Roadtrip Piemont #3 | In den Cottischen Alpen

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6 Tage sind wir jetzt schon im Piemont unterwegs, die meiste Zeit davon im südlichen Hügelland mit seinen historischen Städten und endlosen Weinbergen. Jetzt ist es aber so warm geworden, dass es uns in die Berge zieht in der Hoffnung auf kühlen Wind. Es geht also quer durch die Poebene, vorbei an großen Obstplantagen, zurück in die Alpen, denn auch diese findet man im Piemont.

Fenestrelle

Mitten im Valle Quisone liegt dieser Ort, über dem die größte Festungsanlage Europas thront. Sie belegt nach der chinesischen Mauer Platz 2 der weltweit größten Mauerwerke, zieht sich über 3 km den Bergrücken hinauf, überwindet dabei 635 Höhenmeter und beherbergt eine 2 km lange innen liegende Treppe mit 4.000 Stufen. Gedacht war sie als Verteidigungsanlage gegen die Franzosen, viele Kämpfe fanden hier allerdings nicht statt und so wurde sie viele Jahre vor allem als Gefängnis genutzt. Seit 1990 wird die Anlage restauriert und ist in Teilen für die Öffentlichkeit zugänglich. Wir sind zu spät für eine Führung, die sowieso viel zu lange dauern würde und für mich keinen Sinn macht, denn sie findet nur in italienischer Sprache statt. Das Tor ist aber offen und ich wage mich mit Sunny in den Innenhof. Irgendwie ist alles aber ziemlich düster und furchteinflößend – zudem habe ich Bedenken, dass plötzlich das Tor abgeschlossen wird und ich nicht mehr rauskomme. Also lieber schnell zurück zum Camper!

Weil direkt über der Festung Flugverbotszone ist, schickt Adriano die Drohne am nächsten Tag vom Ort aus in die Luft und kann zumindest einen Teil filmen. Wegen der begrenzten maximalen Flughöhe von 120 Metern kommt er aber natürlich nicht bis ganz nach oben (650 Meter über dem Ort).

Usseaux

Kurz hinter Fenestrelle liegt das Bergdorf Usseaux, eines der schönsten Italiens. Natürlich stoppen wir, denn wir fahren praktisch direkt dran vorbei. Von weitem sieht es unscheinbar aus, aber als wir durch die ersten Gassen schlendern, sind wir begeistert. Late Bausubstanz, die liebevoll restauriert wurde, aber nicht „übersaniert“ erscheint. Auf „Hochglanz“ wurde verzichtet und das macht den großen Charme aus. Und quasi an jedem Haus gibt es eine Malerei zu bestaunen, entweder ist der Briefkasten verziert oder eine kleine Hausecke, und sogar die tristen Metalltüren der Strom- bzw. Gaszähler verzaubern mit herrlichen Kunstwerken. Aus unseren geplanten 15 Minuten werden fast 2 Stunden und zum Abschluss sprechen wir sogar noch mit einer Künstlerin, die gerade eins ihrer Werke aufhübscht. Was für ein toller Abstecher!!!

Colle di Sestriere

Wir sehen auf der Karte, dass wir kurz vor der französische Grenze über den Colle di Sestriere ins Susatal und somit zurück nach Osten fahren können. Es geht auf 2.035 Meter hoch und einen Pass hatten wir schon seit 9 Tagen nicht mehr – die Entscheidung fällt also schnell. Pass kann man das aber eigentlich nicht nennen. Die Strecke ist sehr gut ausgebaut, was sicher an der weltweit bekannten Skiregion rund um Sestriere liegt. Hier haben schon unzählige Weltcupskirennen stattgefunden und auch die Olympischen Spiele im Jahr 2006 waren zu Gast. Dies führte wie überall zu einem rasanten Ausbau der Hotelkapazitäten und alleine entlang dieser Hauptstraße gibt es viele dieser „Bettenburgen“. Allerdings haben wir schon weitaus Schlimmeres gesehen – hier hat man zumindest teilweise versucht, die Häuser etwas hübscher zu gestalten – weg von dem quadratisch, praktisch, gut. Das Skigebiet ist mit 400 Kilometern Pisten eines der größten Italiens und gilt als schneesicher, da die Liftanlagen bis auf 2.800 Meter hinauf führen. 

Susa und das gleichnamige Tal

Eine gute Stunde später erreichen wir Susa, ein etwas größerer Ort mit einem kostenlosen städtischen Stellplatz, der allerdings belegt ist. Aber nebendran auf dem riesigen Parkplatz sind genügend Lücken und so beschließen wir, heute hier zu übernachten.

In Susa sollte man in jedem Fall durch den historischen Ortskern bummeln, denn hier findet man neben einem kleinen Amphitheater und einem Aquädukt den Augustusbogen, der im Jahr 9 v. Chr. zu Ehren des Kaisers erbaut wurde. Der Marmorbogen ist sehr gut erhalten und zählt zu den Schönsten in ganz Norditalien. Auf dem Rückweg zieht es uns in ein Restaurant, das auf der Karte mit einem piemontesischen Menü für 25 € wirbt (incl. Hauswein). Das hört sich gut an und wenig später steht schon die Vorspeise, Vitello Tonnato, vor uns – sehr lecker. Die weiteren 3 Gänge erwähne ich nur kurz, denn diese sind kein Hochgenuss. Der 2. Gang, Agnolotti, entpuppt sich als in brauner Sauce ertränkte Ravioli, beim 3. Gang schwimmt das Fleisch ebenfalls in brauner Flüssigkeit und sogar das Dessert ist mit brauner Sauce verziert. Fazit: Bis auf die Vorspeise war alles nur mäßig und eben viel zu viel braun – ich habe einiges zurück gehen lassen – aber der Hauswein war Spitze! Immerhin!!!

Augustusbogen
Piemontesisches Menü

Sacra di San Michele

Heute geht es für uns trotz der Hitze wieder zurück in die Ebene. In 4 Tagen soll es mit dem schönen Wetter vorbei sein und wir möchten auch noch den Norden des Piemont entdecken. Also Augen zu und durch – ab in die Poebene. Vorher liegt aber noch ein besonderes Ziel auf dem Weg, das wir uns zumindest aus der Ferne anschauen möchten. Es geht zum Sacra di San Michele, einem alten Benediktinerkloster, das imposant auf einem Felsen 500 Meter über dem Susatal liegt. Eigentlich ist es nicht weit, aber auf der schmalen kurvigen Straße kommen wir nur langsam voran. 

Das Kloster wurde vom 10. bis 13. Jahrhundert erbaut und diente Umberto Ecco als Vorlage für seinen Roman ‚Im Namen der Rose‘. Es kann besichtigt werden, aber ihr ahnt es schon – nicht mit Hund und deshalb bleibt es für uns bei der Ansicht aus der Ferne. Die ist sowieso das Beste an dem Ganzen, denn wir haben gelesen, dass es innen relativ verfallen ist. Wir sind zwar noch an dem Besucherparkplatz vorbei gefahren, der war aber komplett überfüllt und wir hätten Schorschi gar nicht abstellen können. 

Casale Monferrato

Wir lassen die Berge hinter uns und müssen tatsächlich sofort wieder die Klimaanlage einschalten. Unser nächstes Ziel liegt im Osten von Turin, das wir diesmal nördlich umfahren. Unsere Runde durch die Cottischen Alpen war 300 km lang  – wir haben 2 Tage dafür gebraucht.

Nun geht es in die Stadt Casale Monferrato, gar nicht so weit von Asti entfernt und guter Ausgangspunkt für unsere letzten Erkundungen im Piemont. Sie markiert das nördliche Ende der piemontesischen Weinregion und gilt als Wiege des dortigen Weinanbaus. 

Nach einem leckeren Eis im Zentrum steuern wir den Duomo di Sant’Evasio an, der sich schon von außen durch seine rot-weiße Fassade von anderen abhebt. Hinter der ersten Tür bin ich erstaunt, denn so etwas habe ich noch nie gesehen – vor dem eigentlichen Kirchenraum befindet sich eine riesige Vorhalle, ein sogenanntes Narthex, das für die Gegend und christliche Kirchen überhaupt nicht üblich ist. Man vermutet die Ursprünge bei den Tempelrittern, die in einem Vorort  der Stadt eines ihrer Hauptquartiere hatten. Betritt man dann den Kirchenraum, ist man überwältigt vom Farbenspiel. Das Deckengewölbe ist blau angestrichen und mit goldenen Sternchen verziert, so dass man meint, dass man unter dem Nachthimmel durchläuft. Auch die tragenden Säulen sind wieder aus zweifarbigem Stein und so ergibt sich eine außergewöhnliche Optik.

Wir haben unheimliches Glück, denn wir sind kurz nach der Abendmesse in die Kirche reingegangen. Alles ist hell beleuchtet und der blaue Sternenhimmel strahlt in diesen schönen Farben. Genau in dem Moment, in dem wir raus gehen, wird die Beleuchtung ausgeschaltet und die schöne Stimmung ist dahin. Ob das außerhalb von Gottesdiensten immer so ist, wissen wir nicht, aber wenn ihr mal hier seid versucht, den Innenraum mit voller Beleuchtung zu erleben. Casale Monferrato – gut, dass wir hier noch angehalten haben. 

Jetzt geht’s zum Schlafen auf einen Parkplatz in der Stadt und ab morgen machen wir den Norden des Piemont unsicher.

Fußgängerzone Casale
Deckengewölbe Duomo di Sant’Evasio