Roadtrip Piemont #4 | Zwischen Po und Ortasee

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Die letzten 3 Tage mit schönem Wetter knöpfen wir uns die Poebene und den Ortasee vor. In den Reisfeldern rund um Vercelli wird es mächtig heiß, so dass wir uns auf einen Sprung in den hoffentlich noch ausreichend warmen Ortasee freuen.

unsere letzten Kilometer im Piemont

Reisanbau in der Lomellina 18.09.25

Die Gegend rund um Vercelli ist geprägt durch intensiven Reisanbau und kaum jemand weiß, dass Norditalien der größte Reisproduzent Europas ist. Die Felder werden im Frühjahr mit Wasser des Po geflutet, entwickeln dann die typische grüne Farbe und verfärben sich vor der Erntezeit in ein warmes goldgelb. Wenige Wochen vor der Ernte werden die Schleusen der Bewässerungskanäle geschlossen, damit der Boden austrocknet und die schweren Mähdrescher darüber fahren können. Wir sind nun gerade zu Beginn der Erntezeit hier und können die Arbeiten beobachten.

Wenn ihr ganz genau wissen wollt, wie das mit der Reisproduktion so abläuft, dann empfehle ich euch die Lach-und Sachgeschichte mit der Maus über Reisanbau in Norditalien – einfach immer wieder schön und auch für uns Erwachsene so lehrreich. Hier ist der Link zur WDR-Mediathek: https://kinder.wdr.de/tv/die-sendung-mit-der-maus/av/video-sachgeschichte—reis-100.html

Bei unserer Fahrt durch die riesigen Reisfelder fallen uns immer wieder total verfallene und unbewohnbare Landgüter auf und wir fragen uns, warum das so ist. Das Internet ist schlau – dort heißt es, dass früher mehrere hundert Erntehelfer auf einem Landgut lebten, das wie eine kleine Stadt angelegt war, oft mit Schule und Kirche. Heute benötigt man nur noch wenige helfende Hände, da die meiste Arbeit von Maschinen erledigt wird und daher werden die Gebäude nicht mehr benötigt. Man reißt sie aber auch nicht ab, sondern überlässt sie einfach dem natürlichen Verfall.

unendliche Reisfelder
Erntemaschinen im Einsatz

Landgut Veneria

Das Landgut Veneria liegt vor den Toren der Stadt Vercelli und ist mit 800 ha einer der größten Reisproduzenten Europas. Es werden verschiedene Reissorten angebaut – bekannt sind vor allem die für Risotto besonders gut geeigneten Carnaroli und Vialone. Auf dem Landgut finden alle Verarbeitungsschritte statt, von der Trocknung übers Entspelzen bis zu Verpackung und Vertrieb. Wir brauchen etwas, bis wir den Werksverkauf gefunden haben. Neben der Theke hängt ein altes Filmplakat – 1949 wurde hier ein Krimi gedreht, der sogar für den Oscar nominiert wurde. Ein Bild zeigt eine Szene daraus. Luisa, die Mitarbeiterin, die uns im Werksverkauf empfängt, war in ihrer Jugend Aupair in Frankfurt und kann uns auf Deutsch vieles erklären – Klasse!!!

Wir kaufen 2 kg unterschiedlicher Reissorten und bekommen als Geschenk obendrauf noch ein kleines Rezeptbüchlein mit Tipps zum Kochen mit Reis.

Camping am Ortasee 19.09. bis 21.09.25

Der Ortasee im Westen des Lago Maggiore liegt wunderschön zwischen sanften Bergen und wir genießen den 1. Abend in Pella, in dem man zwischen 20 und 8 Uhr kostenlos mit dem Womo stehen kann. Ganz in der Nähe des Stellplatzes lädt uns eine Bar zu einem Aperitif ein und wir sind froh, dass die Hitze des Tages (draußen waren es im Schatten 27 Grad) vorbei ist.

Am nächsten Tag machen wir uns auf die Suche nach einem Campingplatz, damit wir die letzten 2 heißen Tage die Möglichkeit zum Schwimmen haben. Aber mehrere Plätze, die wir anfahren, sind voll, was wohl daran liegt, dass heute Freitag ist und viele das schöne Wochenende zu einem letzten Ausflug vor dem Herbst nutzen. Wir ergattern einen der letzten 3 Parklücken beim Camping Orta, allerdings nicht schön am See, sondern im hinteren Bereich 100 Meter vom Wasser entfernt und ohne Ausblick. Mir kommt es vor wie in einem Hinterhof – die Campingfahrzeuge stehen dicht an dicht und genau bei uns gibt es nachmittags keinen Schatten vor dem Van. Die Hitze ist schier unerträglich und so wollen wir nur noch eins – SCHWIMMEN! Dazu müssen wir aber erst durch einen Tunnel, um die Hauptstraße am Ostufer zu unterqueren, die übrigens sehr stark befahren ist und einen Höllenlärm macht (hoffentlich ist das nachts besser). Das Wasser ist aber herrlich und wir würden gerne länger unsere Runden ziehen, aber Sunny können wir nicht so lange alleine lassen, schon gar nicht in der Hitze bei verschlossenen Türen.

Wir sitzen also kurz danach wieder vor dem Camper und wandern mit unseren Stühlen auf der Suche nach Schatten hin und her. Bei Sonnenuntergang kommen zu allem Überfluss auch noch jede Menge Mücken und so verziehen wir uns relativ früh in Schorschi.

Klosterinsel im Ortasee

Orta San Giulio

Heute sind wir ganz früh unterwegs, denn wir möchten vor der großen Mittagshitze den Ort erkunden. Vom Campingplatz aus gilt es aber zuerst, 1 km an der Hauptstraße zum Ortseingang zu laufen. Dann wird es richtig schön. Nach einem kurzen steilen Abstieg führt ein Uferweg um die ganze Landzunge herum. Die meisten laufen maximal bis zur sehenswerten Altstadt  – auf 3/4 der Strecke sind wir daher nahezu alleine unterwegs. Eine Runde ist knapp 4 km lang, dauert je nach Tempo ungefähr eine Stunde und bietet je nach Sonnenstand Schatten. Auf dem Hügel der Halbinsel hätten wir uns noch den Sacro Monte d’Orta, den Kalvarienberg mit 20 Kapellen anschauen oder von der Piazza Motta aus mit einem Boot zur gegenüberliegenden Klosterinsel fahren können, aber dazu wird es nun einfach zu heiß. Vor uns liegt ja noch der anstrengende und nun in voller Sonne liegende Gehweg an der Hauptstraße, zurück zum Campingplatz. Hier erwartet uns wieder ein erfrischendes Bad im See, aber leider auch eine Hochzeitsfeier im benachbarten Restaurant mit lauter Außenmusik. Es wird wohl wieder nichts mit einem entspannten Nachmittag am Camper.

Piazza Motta in Orta San Giulio
Uferrundweg

Über den Monte Mottarone zum Lago Maggiore 21.09.25

Wir verlassen den Campingplatz sehr gerne und möchten auf unserem Weg zum Lago Maggiore noch auf den Berg Mottarone hinauf, der genau zwischen den beiden Seen liegt. Die Strecke vom Ortasee aus ist 38 km lang und kostenlos – von Stresa am Lago Maggiore gibt es eine Mautstraße (10 €), die wir für den Rückweg im Auge haben. Der Himmel ist bedeckt und es ist schwülwarm – die Ruhe vor dem Sturm sozusagen. Leider haben wir Pech, denn der Gipfel ist in dichte Nebelwolken gehüllt und die Sicht ist gleich Null. So geht es direkt runter zum „großen See“ nach Stresa, aber auch da haben wir kein Glück. Heute am Sonntag ist gefühlt jeder Italiener hier und will im Restaurant Mittag essen – alle Parkplätze sind hoffnungslos überfüllt. Wir fahren bis zum Stellplatz nach Verbania und bekommen dort tatsächlich noch eine Lücke. Ob wir hier über Nacht bleiben werden? Es gibt keinerlei Schatten auf dem Asphalt und man steht dicht an dicht (1 Meter Abstand zwischen den Fahrzeugen). Wir bummeln in größter Hitze zum See an die Uferpromenade, naschen ein Eis und beschließen weiter zu fahren, denn das einzige Restaurant in Stellplatznähe hat heute Ruhetag und wir würden gerne an unserem letzten Abend im Piemont nochmal auswärts essen gehen.

Cannobio

Der letzte piemontesische Ort vor der Schweizer Grenze ist erreicht und wir versuchen hier unser Glück mit einem Restaurant. Ein Parkplatz ist schnell gefunden, aber die favorisierte Trattoria ist ausgebucht und so wird es ein nicht ganz so gutes Restaurant am See, dafür mit Aussicht. Während wir essen (zum Glück unter einem großen Schirm), beginnt es zu regnen und ein schweres Gewitter zieht auf. Eine kleine Regenpause nutzen wir, um zum Camper zurück zu laufen und einen uns bekannten Stellplatz in Locarno (Schweiz) anzufahren.

Ende unserer Piemont-Tour

Der große Wetterumschwung ist tatsächlich wie angekündigt gekommen – die ganze Nacht hat es heftig geregnet und gewittert. Die Flüsse sind randvoll und die Berge „weinen“ aus jeder Pore. In den nächsten Tagen wird es in Norditalien Überschwemmungen geben und wir sind froh, dass wir 14 Tage lang das Piemont von seiner besten Seite entdecken konnten. Wir mussten uns zwar etwas beeilen und haben nicht für jeden Winkel Zeit gehabt, aber im Großen und Ganzen waren wir in jedem der unterschiedlichen Landstriche unterwegs – im Hügelland mit seinen Weinbergen, in den Cottischen Alpen, in den Reisfeldern der Lomellina und bei den beiden Seen.